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Der “montanaro mit den acht Geschwistern und den acht Kühen” | Franco Bernard schreibt über Sepp Kusstatscher

Mai 26th, 2009 | By Redaktion | Category: Leitartikel/ in primo piano

„Der montanaro mit den acht Geschwistern und acht Stück Vieh im Stall, so kennen sie mich in Rom”, sagt er und lacht. Josef Kusstatscher („detto Sepp”, wie es auf den offiziellen Wahlplakaten heißt) gehört zur seltenen Spezies der Politiker mit Humor. So wirkt er auch nach Jahren intensiver Tätigkeit immer noch nicht verbraucht und schon gar nicht verbittert. Im Gegenteil: Er ist kämpferisch, motiviert und entscheidungsfreudig und packt auch, siehe Grundeinkommen, gerne neue Themen an.

Sepp, der nun zum zweiten Mal fürs Europaparlament kandidiert, ist nicht immer schon bei den Grünen gewesen, das dürfte bekannt sein. Vorher war er Bürgermeister seiner Heimatgemeinde Villanders, Chef der „Arbeitnehmer in der SVP” und deren Landtagsabgeordneter. Schon damals hat er Spuren hinterlassen, nicht nur Staub. In seiner Amtszeit als Gemeindeverwalter entstand der erste Fahrradweg im Eisacktal; im Landtag war er einer der ersten, der sich für die Schaffung einer Universität in Bozen engagiert hat.

Damals wurde er für seine Vorstöße von manchen bekämpft und auch ausgelacht, aber, wie gesagt, der Sepp hat Humor. Den brauchte er auch, als er 1993 den Wiedereinzug in den Landtag verfehlte; seine großzügige Unterstützung für eine junge Eisacktaler Arbeitnehmer”-Kollegin hat ihn damals selber die entscheidenden Stimmen gekostet.

Zehn Jahre später zog er für die Südtiroler Grünen wieder in den Landtag ein und ein Jahr darauf erkämpfte er sogar einen Sitz im Europaparlament - und das mit einem persönlichen Traumergebnis. Dass er dafür in Straßburg und Brüssel auch noch der Fleißigste gewesen ist, passt durchaus ins Bild. Dass er über jeden dort verdienten und ausgegebenen Euro öffentlich Auskunft gibt, ebenfalls. Im Wochenrhythmus pendelt Sepp im Zug zu seinem Arbeitsplatz.Darum weiß er auch aus eigener Anschauung mehr über Effizienz und Ineffizienz des Bahnbetriebs, als den bauwütigen BBT-Betreibern lieb ist.

Sepp war nie „nur” Politiker. In den Jahren ohne Mandat stand er als Berufsschuldirektor seinen Mann.

Die bäuerliche Kultur hat ihn geprägt, studiert hat er Philosophie und Theologie. Das merkt man nicht nur an den strengen ethischen Maßstäben, die er vor allem an sich selber legt, sondern auch an seiner Sprache. Sepp geht nicht um den 22. Juli in Urlaub, sondern „in der Magdalenswoche” und er kehrt auch nicht spätestens am 24. August an seinen Schreibtisch zurück, sondern „zu Bartlmä”.

Natürlich hat er im Studium auch Griechisch und Latein gelernt, was ihn mit seinem Vorgänger Alexander Langer ideal verbindet. In Brüssel und überhaupt in der Welt aber sind klassischeSprachen heute weniger gefragt und so hat sich Sepp nach seiner Wahl zum Mandatar in Brüssel in einem Crash-Kurs gleich noch das nötige Englisch angeeignet. Ansonsten ergreift er auch als Vertreter der italienischen Grünen in Brüssel und anderswo das Wort gerne auf Deutsch; so viel Europa muss sein.

Wenn Sepp sich unter Freunden zu Wort meldet, sagt er gerne „Jetzt redet Eur-Opa!” Das ist nicht nur ein augenzwinkernder Hinweis auf seine Pensionsreife, sondern auch auf seinen familiären Einsatz als Großvater.

Seine Frau Maria hat jüngst ja ihren KVW-Vorsitz abgegeben und wäre ganz frei für die Wonnen der Enkelbetreuung, Sepp selbst muss darauf wohl noch etwas warten. Ein paar weitere Jahre „Hundeleben zwischen Belgien und Mazedonien”, wie er es manchmal nennt, könnten ihm noch blühen.

Aber er würde es mit Humor nehmen - wie sonst?

Franco Bernard

(veröffentlicht in “CACTUS 03/09)
FOTO: Nicola Morandini

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