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Loslassen

Dez 31st, 2009 | By Sepp | Category: Demokratie, SEPP BLOG, Sepp Mix

 

(31.12.09) Immer wieder nehme ich mir vor, mich von vielen Dingen, auch von Büchern und Schriften, die ich seit Jahren mit Leidenschaft gesammelt habe, zu trennen. Das Jahresende ist so ein Zeitpunkt zum Aufräumen, was bei mir dringend notwendig ist, denn mein Arbeitsraum und all die Regale im Dachboden quellen über.

Loslassen fällt mir aber schwer. Bei fast jedem Buch wird in meiner Erinnerung etwas wachgerufen. In manchen Büchern finde ich persönliche Notizen. Und immer wieder denke ich mir: das müsste ich endlich einmal in Ruhe lesen.

Ich werfe gar einiges mutig in Kartone für Altpapier, manches gebe ich in Schachteln zum Weiterschenken. Doch die meisten Bücher stelle ich in die Regale zurück. Ich kann doch z.B. das Buch „Der tödliche Fortschritt“ von Eugen Drewermann nicht wegwerfen, auch nicht eine warnende Schrift des Wolfgang Kowalsky von 1992 gegen „Rechtsaußen“, wo die  alarmierenden Strategien der deutschen Rechten schon vor fast zwei Jahrzehnten geschildert werden, ein Büchlein, das gleich aktuell ist wie der Aufruf der Grünalternativen Jugend Österreichs im Jahre 1998 gegen die FPÖ  als „erfolgreichste Partei  des modernen Rechtsextremismus in Europa“. Darin werden die Parallelen zur NSDAP vor rund 80 Jahren klar aufgezeigt. Inzwischen haben sehr viele Leute in Europa, auch bei uns in Südtirol und Italien, sich schon daran gewöhnt und schreien nicht mehr auf, wenn Demokratie abgebaut wird und die Ausländer immer unverhohlener als Sündenböcke kriminalisiert werden.

Auch kann ich nicht Ernst Bloch,  Atheismus im Christentum, einfach wegwerfen. Ich habe darin nur sehr wenige Kapitel gelesen. Beim Zurückstellen ins Regal denke ich mir, wie schnell auch heute jene, die nicht an „Gott und Kaiser“ glauben, als „Atheoi“ bezeichnet werden, so wie schon die Urchristen Roms von Nero. Bei uns ist das gerade erst in letzter Zeit passiert, als Politiker, die im Alltag alles eher als christlich handeln, das „Kreuz in den Schulklassen“ scheinheilig und lautstark verteidigt haben. Wer dagegen christliche Tugenden statt christliches Brauchtum verteidigt hat, wurde offen diffamiert. – Die detektivische Aufklärung und die ketzerische religiöse Tiefe von Ernst Bloch muss ich mir in nächster Zeit nochmals zu Gemüte führen.  

 

Ich stelle also sehr viele Bücher wieder in die Regale zurück. Am leichtesten kann ich mich von jenen trennen, die ich in der Vergangenheit nur zum Nachschlagen gebraucht habe. Wenn es um die Vergewisserung über Daten und Fakten geht, da gehe ich inzwischen fast immer zum Computer und suche unter Google oder Wikipedia.

 

Loslassen ist schwer, auch wenn ich weiß, dass gar manches Buch auch 2010 weiterhin unberührt im Regal stehen bleiben wird.