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Angst vor Fremden

Apr 15th, 2010 | By Sepp | Category: Economia / Wirtschaft, Leitartikel/ in primo piano, Soziales / politiche sociali

 

Ängste sind ernst zu nehmen, sehr ernst, auch wenn sie irrational sind.

 

Das wurde mir in diesen Tagen bei einem längeren Gespräch mit einem Gemeinderatskandidaten wieder stärker bewusst. Dieser sozialpolitisch engagierte Herr kritisierte uns Grüne, weil wir den Ausländern gegenüber zu positiv und zu tolerant eingestellt seien. Viele Leute hätten vor den Immigranten einfach Angst. Über die Ängste vor Überfremdung müsse man reden dürfen…

 

Wir kamen im Gespräch aber sehr bald überein, dass die Angst vor den Migranten hauptsächlich darauf beruht, weil sie uns fremd sind und weil wir sie nicht oder viel zu wenig kennen. Jene, die mit neuen Mitbürgern aus aller Welt  häufig Kontakt haben, haben viel weniger Ängste. In Gemeinden, wo es sozusagen überhaupt keine Ausländer gibt und wo von einer Überfremdung sicher nicht geredet werden kann, da ist der Ausländerhass meist am größten. Die Angst ist in seltensten Fällen rational begründbar.

 

In Südtirol hat vor rund 30 Jahren der für Kulturpolitik zuständige Landesrat Anton Zelger, den ich gut kannte und auch mochte, einen unheilvollen Ausspruch getan: „Je besser wir uns trennen, um so besser verstehen wir uns.“ Dieser Politiker meinte, dass die deutsche Volksgruppe in Südtirol sich nur behaupten könnte, wenn sie möglichst abgeschottet von der italienisch-sprachigen Bevölkerung ihre Sprache und Kultur hegen und pflegen könne. Dieses Nebeneinander der Volks- und Sprachgruppen ist immer noch das offizielle Dogma der SVP-Kultur- und Bildungspolitik. Es ist Ursache vieler irrationaler Spannungen in der Politik. Zum Glück ist die Bevölkerung meist viel weiter als die Politik.

 

Ich behaupte, dass die meisten SüdtirolerInnen, gleich ob italienischer, deutscher oder ladinischer Muttersprache, die Mehrsprachigkeit, die Vielfalt und das friedliche Zusammenleben als Bereicherung und als positive Herausforderung sehen, nicht als Nachteil oder Gefahr.

 

Leider anders ist die Einstellung vielfach gegenüber den neuen Mitbürgern, die in den letzten zwei Jahrzehnten aus vielen anderen Ländern zu uns gekommen sind. Südtirol war in der Vergangenheit wegen wirtschaftlich schlechter Bedingungen immer ein Auswanderungsland. Aufgrund des Überlebenswillens einer nicht verwöhnten Bevölkerung und dank der von Italien gewährten Autonomie ist Südtirol in kurzer Zeit zu einer der wohlhabendsten Regionen Europas geworden. Seit knapp 30 Jahren haben wir plötzlich zu wenig eigene Arbeitskräfte, ein neues Phänomen, das in den 1960-er Jahren noch unvorstellbar war. So musste sich die Landesverwaltung erstmals um auswärtige Arbeitskräfte bemühen und den Staat Jahr für Jahr ersuchen, ein größeres Kontingent an ausländischen Arbeitskräften für Südtirol zu genehmigen. Zusätzlich zu diesen neuen Arbeitskräften kamen aufgrund der Kriege auf dem Balkan in den 1990-er Jahren und der weltweiten Krisen viele Menschen von überall her in unser Land, im Verhältnis zum Ausländeranteil in anderen Regionen Europas allerdings immer noch sehr wenig.  

 

Es ist normal, dass Neues und Ungewohntes verunsichert und Angst verursacht. Das beste Mittel dagegen ist und bleibt: sich Kennenlernen und Integration! Wir müssen das Zelger-Zitat abändern: „Je besser wir uns kennen, desto besser verstehen wir uns.“

 

Unverantwortlich ist es, Ängste zu schüren. Das passiert aber leider sehr häufig. Der Ausländer, ob als Arbeitskraft ins Land geholt, ob Flüchtling aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen oder ob Asylant, wird oft ohne Begründung kriminalisiert und zum Sündenbock für alles gestempelt.

 

Wem nützt diese Verteufelung der Ausländer? Kurzfristig vielleicht einigen rassistisch und egoistisch orientierten und polarisierenden Politikern. Schlussendlich wird es aber wie bei jedem Krieg sein. Es kann nur Verlierer geben. Angst macht dumm und asozial. Hass macht blind. Mit Dummen, Asozialen und Blinden kann aber keine hoffnungsvolle Zukunft gestaltet werden.

 

Ängste vor Fremden sind zwar verständlich. Dagegen kann und muss aber etwas getan werden.