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China

Mai 6th, 2010 | By Sepp | Category: Economia / Wirtschaft, Leitartikel/ in primo piano

 

 

(05.05.10) Als wir gestern am späten Abend von Shanghai auf der neuen und schön beleuchteten Autobahn zum Flughafen fuhren, sahen wir neben uns mehrere Busse, vollbesetzt mit jungen Burschen in eleganten Uniformen. Unser Reiseleiter erklärte uns, dass dies Polizei-Studenten seien, die derzeit auf der Expo verschiedene Ordnungsdienste verrichten. Wir sahen auch von einer hohen Autobahnbrücke aus das über 5 Quadratkilometer große Ausstellungsgelände. Es war um 22 Uhr noch hell beleuchtet. Ein roter pilzförmiger Bau, die „Krone des Ostens“, wie der Pavillon der Chinesen genannt wird, fällt besonders auf. Er musste auf Geheiß der Regierung bzw. der Kommunistischen Partei auch doppelt so hoch sein wie die höchsten der 100 anderen Pavillons, in denen über 240 Nationen und internationale Organisationen sich derzeit präsentieren. Vom 1. Mai bis zum 31. Oktober sollen laut dem Plansoll der chinesischen Regierung mehr als 70 Millionen Menschen die teuerste und aufwendigste Expo aller Zeiten besuchen. Diese Weltausstellung soll China nach der Olympiade der Superlative von 2008 nochmals als Weltmacht klar positionieren.

 

Mit einer Reisegruppe aus Südtirol und dem Trentino waren meine Frau und ich elf Tage lang in China. Natürlich kann man in so kurzer Zeit dieses riesengroße und mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern bevölkerungsreichste Land der Welt nie und nimmer auch nur annähernd kennen lernen. Ich habe zwar vorher einiges über dieses Land gelesen. Auf der Fahrt war meine Hauptlektüre neben zwei Reiseführern das letzte Buch von Jean Ziegler „Der Hass auf den Westen – Warum sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren“ (Bertelsmann 2009).

 

Es war mir schon vor der Fahrt schon klar, dass die staatlich zugelassenen Fremdenführer uns Touristen China nur von der Schokoladenseite zeigen dürfen. Auch ist es durchaus verständlich, dass ein so großer Staat in seinem nationalen Stolz Superlative zum Herzeigen braucht. Eine Nachtrundfahrt vor zwei Tagen durch die 20 Millionen Einwohner zählende Metropole Shanghai hat aber all meine Vorstellungskräfte übertroffen. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man als Europäer vor Neid erblassen, wenn man diesen „Fortschritt“ der letzten drei Jahrzehnte sieht.

 

Es war jedoch sehr ernüchternd, als unser Stadtführer von Peking am riesengroßen Platz des Himmlischen Friedens uns so vieles erzählte, aber mit keiner Silbe den großen Widerstand vom Mai 1989 erwähnte, als Tausende von Arbeitern und Studenten gegen das kommunistisch-kapitalistische System unter Deng Xiaoping protestierten und nichts als demokratische Rechte forderten. Am frühen Morgen des 4. Juni 1989 fuhren hier am „Platz des Himmlischen Friedens“ Panzer auf, die in die Menge schossen und dabei mehr als siebentausend Menschen töteten. Als ich mit fast diplomatischer Zurückhaltung unseren Stadtführer nach diesen Aufstand fragte, beeilte er sich zum Weitergehen und bestätigte schnell und beiläufig, dass es 1989 einen Aufstand und auch  Tote gegeben hätte. Aber wie viele, das wisse man nicht.

 

Ähnlich misstrauisch mussten wir werden, als wir in Jining, nahe an der Konfuzius-Stadt Qu Fu, am Sterbeort des Hl. Joseph Freinademetz waren. Dort wurden wir die ganze Zeit in auffälliger Weise von Polizisten begleitet und bewacht, auch während der Messfeier in der von Freinademetz erbauten Kirche. 

 

Wir sahen in diesen elf Tagen vieles von der Nation der Superlative, vor allem in Peking und noch mehr in Shanghai. Auf der Expo soll es martialisch zugehen. Wir waren nicht drinnen. Es ist zwar nicht Krieg, sondern eine riesige Wirtschaftsshow, welche in der 20 Millionen Einwohner zählenden Metropole überall sichtbar wird.

 

Dabei wurde mir wieder einmal richtig klar: Wirtschaft ist Kampf. Die Ökonomie ist eine andere Art des Kriegs. Es müssen immer wieder Rekorde gebrochen und bisherige Superlative in den Schatten gestellt werden. China will wieder die Nummer eins werden. Das Reich der Mitte war bis vor knapp 200 Jahren die Weltmacht. Damals begannen die Briten dieses Imperium mit Opium zu schwächen und mit aggressiven Kriegen zu demütigen. Die Franzosen und die Deutschen kamen später dazu und haben sich an der Ausbeutung eines großen Reiches beteiligt. Schließlich zwangen die Japaner China in die Knie.

 

Was sich seit wenigen Jahrzehnten abspielt, ist eine Art Revanche. Gedemütigte rächen sich, immer mehr auch mit den modernen Waffen des Großkapitals. New York war, Shanghai kommt. Die ganz Cleveren verlassen schon den Hudson River und verlegen ihr Quartier an den Huangpu. Hier kann man schneller ganz reich werden. Die Ausnutzung der kommunistischen Diktatur und des neoliberalen Kapitalismus machen es möglich.

 

Ob aber dieses Reich der Mitte, das in 20 Jahren die Weltmacht USA überrundet haben will und mit den derzeitigen Wirtschaftswachstumszahlen von mehr 8 %  pro Jahr auch alle Chancen hat, ist meines Erachtens zweifelhaft. Die Widersprüche sind zu groß: die wachsenden Spannungen zwischen dem Osten und Westen des Landes, die ständige Unterdrückung von Minderheiten, die rücksichtslose Eigendynamik des Großkapitals, die Zwangsmodernisierung in den Städten, die Vernachlässigung der ländlichen Gebiete,  die Versklavung und Verarmung von Massen, die Korruption bis hinauf zur Spitze… Ob ein solches System sich früher oder später nicht selbst zerstört? Als Beispiel der Korruption: Chen Liangyu, der Vorgänger des derzeitigen allmächtigen Parteisekretärs Yu Zhengsheng, wurde 2008 zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte viele Millionen Dollar aus den lokalen Pensionsfonds abgezwackt. Derzeit wird gegen 17 leitende Kader wegen Bestechung ermittelt…

 

In diesem Land der Wiedersprüche muss man den Slogan zur Expo „Bessere Stadt, besseres Leben“ als bittere Ironie empfinden, vor allem, wenn man weiß, wie diktatorisch alte Siedlungen niedergewalzt und Überflüssige evakuiert werden, um für immer modernere und immer höhere Wolkenkratzer Platz zu machen.