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Toponomastik – Schild-bürger-Streit

Jul 22nd, 2010 | By Sepp | Category: Kultur, Leitartikel/ in primo piano

(22.07.10) In einer Südtiroler Wochenzeitung gab es vor ein paar Wochen einen Gastkommentar mit interessanten kulturpolitischen Überlegungen zur heiß debattierten Frage der Toponomastik. Der Kommentator kritisierte dabei uns Grüne, weil wir die vom Staat Italien geforderte Regelung einer durchgehend zweisprachigen Bezeichnung aller Orts- und Flurnamen „toll“ fänden. 

 

Ich habe sofort eine Gegen-Stellungnahme geschrieben, die aber nicht veröffentlicht wurde. Zunächst wollte ich öffentlich klarstellen, dass ich die Übersetzung aller Namen in den zwei bzw. drei Landessprachen kulturpolitisch absurd finde. Überhaupt nicht „toll“ finden wir Grüne, wenn so oft und so leichtfertig über die Ortsnamensfrage geredet wird, als ob eine neue und sinnvolle Regelung leicht machbar wäre.

 

Die Eskalation in dieser Frage erleben wir in diesen Tagen. Regionenminister Raffale Fitto hat gestern Landeshauptmann Luis Durnwalder aufgefordert, persönlich dafür zu sorgen, dass alle 36.000 einsprachigen Wegschilder in Südtirol innerhalb von zwei Monaten zweisprachig gemacht werden.

 

Einerseits ist mir klar, dass Mehrsprachigkeit nicht automatisch eine amtliche Übersetzung aller Namen in alle Sprachen erfordert. Prinzipiell haben jene recht, die behaupten, dass eine Person bzw. eine Örtlichkeit meist nur einen Namen hat. Im Pariser Vertrag und im Autonomiestatut ist aber die „Einnamigkeit“ nicht vorsehen. Im Gegenteil!

 

Im Pariser Vertrag von 1946 wurde nämlich folgende Forderung festgeschrieben:
„Gleichberechtigung der deutschen und italienischen Sprache in öffentlichen Ämtern und amtlichen Urkunden wie auch in der zweisprachigen Ortsnamensgebung.“  
Die Ladiner wurden dabei vergessen!

 

Auch im 2. Autonomiestatut von 1972 wurde keine vernünftige Regelung gefunden. Wohl kaum ein anderer Artikel ist so schwach formuliert wie der Artikel 101:
„In der Provinz Bozen müssen die öffentlichen Verwaltungen gegenüber den deutschsprachigen Bürgern auch die deutschen Ortsnamen verwenden, wenn ein Landesgesetz ihr Vorhandensein  festgestellt und die Bezeichnung genehmigt hat.“

 

Hat Alfons Benedikter, der Vater des 2. Autonomiestatuts, das ganze Problem des „kulturpolitischen Unfuges“, wie sein Sohn Thomas es sieht, übersehen? Ich glaube, man muss eingestehen, dass die Südtiroler bzw. ihre politischen Vertreter  im Unterschied zu den Aostanern sofort nach 1945 das Problem der Ortsnamen nicht so wichtig genommen haben. Ich kann nicht beurteilen, ob dann 25 Jahre später wirklich nicht mehr zu erreichen war als diese überaus schwache Regelung im Artikel 101.

 

Jetzt aber so zu tun, als ob beliebig viele der 8.000 im „Prontuario“ von Tolomei festgehaltenen Namen einfach abgeschafft werden könnten, ohne dass vorher das Autonomiestatut geändert wird, halte ich für naiv. Ich bin zwar kein Jurist. Trotzdem behaupte ich, dass jeder, der ein Landesgesetz anfechten würde, mit welchem italienische Namen amtlich abgeschafft werden bzw. mit welchem nur einsprachig deutsche Namen festgeschrieben werden, sich vor Gericht wird durchsetzen können, wenn er die Einhaltung des Pariser Vertrages und des Autonomiestatuts verlangt, auch wenn dabei noch so viele unsinnig erfundene Ortsnamen geschützt werden.

 

Es bräuchte dringend eine klare Wortmeldung eines Verfassungsrechtlers, nicht diesen Schilderstreit zur Anheizung des poltischen Klimas jetzt im Sommerloch.

 

 

Natürlich müsste auch darüber ausführlich nachgedacht werden, was es für einen italienisch-sprachigen Südtiroler bedeutet, wenn in den vergangenen 90 Jahren eingebürgerte italienische Namen jetzt amtlich gestrichen werden. Wer bei diesem Thema mit der Brechstange Lösungen herbeiführen will, bringt das friedliche Modell Südtirol in Gefahr.